In den vergangenen Jahren wurde der Einzelhandel in Deutschland durch eine ganze Reihe von Veränderungen beeinflusst, die Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten mit sich brachten. Durch Preiskampf, Flächenexpansion und Unternehmenskonzentration bei gleichzeitiger Schließung von Einzelhandelsbetrieben verschärften sich die Wettbewerbsbedingungen der Betriebe untereinander. Hinsichtlich der Kundenbeziehungen wurde zunehmend erkannt, dass die Erfüllung der Kundenwünsche zum richtigen Zeit, am richtigen Ort und in der gewünschten Qualität einen maßgeblichen Erfolgsfaktor darstellt. In Bezug auf die rechtlichen Rahmenbedingungen fand mit den Modifikationen des Gesetzes über den Ladenschluss (LadSchlG 1996 und 2003) eine Deregulierung von staatlicher Seite statt, die den Einzelhandelsbetrieben eine größere Flexibilität in ihren Öffnungszeiten erlaubte.
Diese Veränderungen wirkten sich in verschiedener Hinsicht auf die Beschäftigten im Einzelhandel aus. War schon seit langem eine Tendenz zum Übergang von der Vollzeit- zu einer Teilzeitbeschäftigung unübersehbar, so entstand nunmehr die noch weitergehende Notwendigkeit, die Öffnungszeiten eines Einzelhandelsbetriebes von den individuellen Arbeitszeiten seiner Beschäftigten zu entkoppeln. Das Ergebnis war vielfach die Einführung eines flexiblen Arbeitszeitmodells, und zwar mit dem vorrangigen Ziel, den Personaleinsatz an das erfahrungsgemäß im Tages-, Wochen- und Saisonverlauf variierende Kundenaufkommen anzupassen.
Auf Seiten der Beschäftigten führte diese Entwicklung partiell zum Verlust von Arbeitsplätzen, teilweise aber auch zu neuen Beschäftigungschancen. Aus der gezielten Anpassung des Personaleinsatzes an das Kundenaufkommen resultierte zwangsläufig eine gleichmäßigere Auslastung des Personals, allerdings oftmals auf einem insgesamt höheren Niveau. Durch die veränderten Arbeitszeiten vermehrten sich außerdem die möglichen Konflikte in der Abstimmung der Arbeit mit den Belangen von Familie und Freizeit.
Vor diesem Hintergrund wurde von April 2000 bis September 2003 am Institut für Arbeitswissenschaft und Betriebsorganisation (ifab) der Universität Karlsruhe (TH) das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Forschungsprojekt "Auswirkungen flexibler Arbeitszeitmodelle auf den Personaleinsatz und die Belastung des Personals - FAZEM" (Förderkennzeichen 01HR9954) durchgeführt. Dieses Projekt setzte sich zum Ziel, die subjektive und objektive Belastungssituation des Personals in Einzelhandelsbetrieben zu analysieren, welche sich aufgrund der durch die Einführung flexibler Arbeitszeitmodelle veränderten Arbeitsbedingungen ergeben. Dabei beschränkte sich die Bearbeitung dieser Fragestellung nicht auf das Verkaufspersonal, sondern umfasste auch angrenzende Tätigkeiten, z.B. des Lager- und Verwaltungspersonals. Darüber hinaus wurde untersucht, mit welchen flexiblen Arbeitszeitmodellen nachteilige Auswirkungen auf die Belastungssituation der Beschäftigten verhindert werden können.
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Der Arbeitsplan des FAZEM-Projektes sah zunächst eine Bestandsaufnahme praktizierter Arbeitszeitmodelle in Einzelhandelsbetrieben vor. Diese bildete die Voraussetzung für alle weiteren Untersuchungen. In Befragungen der in diesem Projekt kooperierenden Informationspartner (ver.di sowie Hauptverband des Deutschen Einzelhandels), Fachverbänden und projektbegleitenden Betrieben wurden die bereits eingeführten oder geplanten flexiblen Arbeitszeitmodelle erfasst.
Zur Bestimmung der veränderten Arbeitsorganisation bzw. Belastungssituation diente in diesem Projekt ein dualer Forschungsansatz: Einerseits wurde durch "klassische" Instrumente der Arbeitsanalyse die Belastungssituation der Beschäftigten erfasst und analysiert. Aus dieser Erhebung konnte ein genaueres Bild bezüglich der individuell von den Beschäftigten empfundenen Arbeitssituation abgeleitet werden. Andererseits wurden in einer personalorientierten Simulationsstudie die Auswirkungen verschiedener Arbeitszeitmodelle und Arbeitsorganisationsformen abgebildet. Die personalorientierte Simulation hat sich als sehr wirkungsvoll für die Planung und Bewertung von Personalstrukturen erwiesen, da im Gegensatz zu einer Befragung über eine erlebte Situation die Gestaltungsparameter nahezu beliebig variiert werden können, sodass eine effiziente Analyse und Bewertung unterschiedlicher Szenerien möglich ist. Mittels geeigneter Simulationsmethoden konnten Arbeitszeiten und organisationsformen variiert werden und daraus Rückschlüsse auf Belastungsveränderungen der Beschäftigten (z.B. Stress, Ermüdung, Aufmerksamkeit) gezogen werden. Im letzten Schritt wurden aus den Ergebnissen der Arbeitsanalyse und Simulationsstudie Empfehlungen für geeignete Arbeitszeitmodelle im Einzelhandel abgeleitet.
Als praktisches Gestaltungswerkzeug wurde zusätzlich ein computerunterstütztes Tools zur Personaleinsatzzeitplanung realisiert, welches den Betriebsleitern bzw. den Personalverantwortlichen planern und bzw. als praxisnahe Hilfe bei der betrieblichen Umsetzung flexibler Arbeitszeiten dienen soll. Zudem wurden die Projektergebnisse auf zahlreichen nationalen und internationalen Konferenzen sowie in verschiedenen Fachzeitschriften publiziert. Damit konnte eine breite Streuung der Ergebnisse erzielt werden und zugleich ein Bewusstsein für die Möglichkeiten und Auswirkungen von Arbeitszeitmodellen bei personalverantwortlichen, Interessensvertretern sowie bei den Betroffenen selbst geschaffen werden.
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| Abb. 1: | Problemstellung, Vorgehensweise und Ergebnisse des FAZEM-Projekts Poster für die 5. Dienstleistungstagung des BMBF am 10./11. Dezember 2003 |
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Als Kooperationspartner konnten jeweils zwei Einzelhandelsbetriebe der Branchen Warenhaus und Bekleidung gewonnen werden. Beide Branchen sind flächendeckend am ehesten von der Modifikation der Ladenschlusszeiten betroffen und weisen daher einen besonderen Bedarf an flexiblen Arbeitszeitmodellen auf.
Ferner konnten die Berufsgenossenschaft für den Einzelhandel (Bonn), die Gewerkschaft ver.di (anfangs noch Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, Berlin) und der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (Berlin) als Informationspartner gewonnen werden.
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| Abb. 2: | Kooperationsdiagramm im FAZEM-Projekt |
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