Auswirkungen flexibler Arbeitszeitmodelle auf den Personaleinsatz und die Belastung des Personals - FAZEM
 
 
Bestandsaufnahme der praktizierten Arbeitszeitmodelle

Im ersten Arbeitsschritt des FAZEM-Projekts wurde eine umfragebasierte Bestandsaufnahme der in der Praxis bewährten Arbeitszeitmodelle in den beiden ausgewählten Einzelhandelsbranchen Bekleidung und Warenhaus vorgenommen. Um einen ausreichenden Rücklauf der Fragebögen zu erzielen, wurde die Umfrage durch Hauptverband des Deutschen Einzelhandels, die Gewerkschaft HBV sowie die Berufsgenossenschaft für den Einzelhandel unterstützt. Diese Bestandsaufnahme der praktizierten flexiblen Arbeitszeitmodelle diente als Grundlage für Untersuchungen zur Ermittlung der Änderungen von Arbeitsorganisationsformen bzw. im Belastungsprofil der Beschäftigten. Dabei wurden insgesamt 68 Bekleidungsfachgeschäfte sowie 28 Warenhäuser mit unterschiedlichen Beschäftigungszahlen im Herbst 2000 mit Hilfe eines selbst entwickelten Fragebogens befragt.

Von den 3.455 erhobenen Personen in der Bekleidungsbranche arbeiten 35 % in Vollzeit, von den 5.294 erhobenen Personen in der Warenhausbranche arbeiten dagegen etwa 44 % in einer vollzeitigen Beschäftigung. Der Einsatz von geringfügig Beschäftigten war zum Zeitpunkt der Befragung noch eher eingeschränkt. Insgesamt bestätigte die Bestandsaufnahme der praktizierten Arbeitszeitmodelle im Einzelhandel den allgemeinen Trend zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten: Bei 43 % der Vollzeitbeschäftigten in den Bekleidungsfachgeschäften werden Lage und Verteilung der Arbeitszeit flexibel geplant, ebenso bei 55 % der Vollzeitbeschäftigten in den Warenhäusern. Insbesondere die Teilzeitbeschäftigten in den Warenhäusern arbeiten zu 79 % in flexiblen Arbeitszeitmodellen.

Obwohl Lage und Verteilung der Arbeitszeiten sehr breit gestreut ist und dadurch die Planung und Steuerung überaus komplex wird, arbeitet nur etwa die Hälfte der Unternehmen mit rechnerunterstützten Planungstools. 53 % der Unternehmen geben an, bislang noch keine Erfahrung mit Erfahrung mit der rechnerunterstützten Einsatzzeitplanung gemacht zu haben. Die Qualität der gefundenen Lösungen für die Arbeitszeitgestaltung dieser Unternehmen hängt damit stark von den Erfahrungen und dem Hintergrundwissen des Personalverantwortlichen ab, in der Regel des Geschäftsführers oder der Abteilungsleiter.

In den Gestaltungsprozess der Arbeitszeitmodelle fließen dabei die vielfältigsten Ziele an, wobei am häufigsten genannt wurden:

Erhöhung der Kundenzufriedenheit       68,5 %
Erhöhung der Personalflexibilität       60,9 %
Anpassung an verlängerte Ladenöffnungszeiten       52,2 %
Reduzierung der Personalkosten       47,8 %
Erhöhung des Umsatzes       44,6 %
Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit       44,6 %
Schaffung von Arbeitsplätzen       9,8 %
sonstige Ziele       2,2 %

Ferner ziehen die Unternehmen die nachfolgenden Planungsparameter in den Planungsprozess der Arbeitszeitmodelle mit ein:

Kundenfrequenzen und -aufkommen       85,9 %
Umsatz vorangegangener Perioden       75,0 %
Qualifikation der Mitarbeiter       27,2 %
Quervergleich mit anderen Filialen       22,8 %
Anzahl der Abteilungen       12,0 %
sonstige Parameter       3,3 %

Als Randbedingungen für die Planung von Arbeitszeitmodellen werden genannt:

Wünsche der Kunden       63,4 %
Öffnungszeiten der Konkurrenzn       51,1 %
Betriebsergebnis       38,0 %
Wünsche der Mitarbeiter       32,6 %
Arbeitsmarktsituation       20,7 %
sonstige Randbedingungen       3,3 %

Die kurzfristige Steuerung der Einsatzzeiten der Mitarbeiter erfolgt - wie auch deren Planung - hauptsächlich auf der Ebene von Geschäfts- oder Abteilungsleitung. Als Hauptgründe für kurzfristige Änderungen der geplanten Arbeitszeiten werden Krankheit sowie Wünsche von Mitarbeitern genannt. Jedoch fließen auch die Schwankungen des Kundenaufkommens mit in die Steuerung der Arbeitszeiten ein, wobei die Warenhäuser stärker hierauf reagieren.

Arbeitsanalyse

Zur Erfassung der Belastungssituation der Mitarbeiter bei den Kooperationspartnern wurden sowohl subjektive als auch objektive Arbeitsanalysen durchgeführt. Zur Messung des subjektiven Beanspruchungsempfindens der Mitarbeiter wurde eine Mitarbeiterbefragung mittels der Salutogenetischen Subjektiven Arbeitsanalyse (SALSA; RIMANN, UDRIS 1999) bei den Kooperationspartnern durchgeführt, an der insgesamt 141 Mitarbeiter teilnahmen. Um Kausalbeziehungen zwischen Arbeitszeitmodellen und Belastungen bzw. Beanspruchungen ableiten zu können, wurde der Fragebogen SALSA um spezielle Fragen zum praktizierten Arbeitszeitmodell ergänzt. Zu Kontrollzwecken wurden ferner die Freiburger Beschwerdeliste (FBL; FAHRENBERG 1994) zur Messung der körperlichen Beschwerden sowie der Arbeitsbeschreibungsbogen (ABB; NEUBERGER 1983) zur Messung der Zufriedenheit bei jeweils 42 Personen eingesetzt.

Parallel zu der subjektiven Arbeitsanalyse wurde eine objektive Arbeitsanalyse mittels des Tätigkeitsbewertungssystems TBS-Handel (PÖSSIGER 1986) durchgeführt, welcher auf dem allgemeinen TBS aufbaut und wie auch SALSA die Fragestellungen der Salutogenese verfolgt. Insofern bietet sich die Kombination des TBS-Handels mit SALSA an. Mit Hilfe des TBS-Handels wurden 13 Tätigkeiten untersucht, wobei insgesamt 22 Arbeitsplätze betrachtet wurden.

Als wesentliches Ergebnis der subjektiven Arbeitsanalyse lässt sich festhalten, dass die Situation der Beschäftigten insgesamt als eher gut zu bewerten ist: So sind die Belastungen insgesamt im Vergleich zu den Normwerten der eingesetzten Verfahren eher gering, insbesondere liegen kaum Belastungen durch äußere Einflüsse wie zum Beispiel Lärm oder Klimaanlagen vor; als größtes Problem wird das lange Stehen in Form einer mittleren Belastung genannt. Der körperliche und psychische Gesundheitszustand ist insgesamt gut, auch körperliche Beschwerden treten nur selten auf. Die Mitarbeiter sind zufrieden mit Arbeit und Leben. Bedeutungsvoll ist jedoch, dass die von SALSA ermittelten Ressourcen, welche der Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit dienen und den negativen Effekten durch die Belastungen entgegenwirken, ebenfalls nur auf einem geringen bis mittleren Niveau liegen und demnach Verbesserungspotenziale beinhalten.

Sind diese Ergebnisse auch als eher positiv zu bewerten, so zeigt eine tiefergehende Analyse, dass für verschiedene Gruppen Unterschiede auftreten: So sind generell die Angestellten der Bekleidungsfachgeschäfte besser situiert als die Beschäftigten im Warenhaus. Auch gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede: Anforderungen und Belastungen sind für Männer tendenziell höher als für Frauen, jedoch verfügen Männer auch über die höheren Ressourcen, also über alle jene Bedingungen und Schutzfaktoren, welche der Aufrechterhaltung und Wiederherstellung und Gesundheit dienen. Zwar gibt es keinen Unterschied bezüglich des Gesundheitszustandes, jedoch haben Frauen signifikant häufiger Beschwerden als Männer. Schließlich sind auch Vollzeitbeschäftigte weniger belastet als teilzeitig oder geringfügig Beschäftigte.

Die objektive Arbeitsanalyse ergibt, dass die Tätigkeiten in der Regel oft nur wenige Teiltätigkeiten umfassen und nicht zyklisch vollständig sind. Eine solche zyklisch vollständige Tätigkeit würde neben den Ausführungsfunktionen auch vorbereitende, organisierende und kontrollierende Funktionen (zur Definition vgl. z.B. HACKER, FRITSCHE, RICHTER u.a. 1995, S. 10 ff.) umfassen. Hierbei sind die Aufgabenbereiche in den Bekleidungsfachgeschäften vollständiger als im Warenhaus, wo oft nur eine Teiltätigkeit ausgeführt wird (z.B. Kassieren oder Ware einräumen). Je kürzer die monatliche Arbeitszeit (Arbeitsform) ist, desto zyklisch unvollständiger sind die Tätigkeiten. Zudem sind die Tätigkeiten kurzzyklisch, d.h. sie benötigen nur eine kurze Zeit zur Ausführung (z.B. Gegenstand in Regal stellen) und erfordern nahezu keine Kommunikation und Kooperation mit Kollegen. Die Einflussmöglichkeiten sind gering und auch die Qualifikationsanforderungen sind niedrig.

Insgesamt resultiert aus den Ergebnissen der Arbeitsanalyse der Bedarf für die Ableitung von betriebsspezifischen Arbeitszeitsystemen.

Simulationsstudie

Mit dem im FAZEM-Projekt entwickelten Simulationsverfahren OSim-GAM (Objektsimulator zur Gestaltung von Arbeitszeitmodellen; vgl. Abb. 1; vgl. JONSSON 2000; ZÜLCH, FISCHER, JONSSON 2000) können Arbeitszeitmodelle und -systeme in objektiver Form effizient und auf quantitativer Basis bewertet werden. Zur Beseitigung der Defizite bei der Arbeitszeitgestaltung (Mangel an spezifisch auf den Betrieb angepassten Arbeitszeiten sowie zu geringe Mitarbeiterbeteiligung) ermöglicht es OSim-GAM, während des Gestaltungsprozesses individuelle Arbeitszeitpräferenzen zu beachten und bei der Bewertung der Arbeitszeitmodelle neben betrieblichen insbesondere auch mitarbeiterbezogene Ziele zu berücksichtigen. Jeder abgebildeten Person kann ein individuelles Arbeitszeitmodell zugeordnet werden, in dem die Ausprägungen der jeweiligen Gestaltungselemente der Arbeitszeit modelliert werden.

Zur Prüfung der Wirksamkeit des entwickelten Simulationsverfahrens OSim-GAM wurde eine systematische Simulationsstudie für den Anwendungsbereich des Einzelhandels konzipiert und durchgeführt. Zusätzlich sollten die Effekte verschiedener Arbeitszeitmodelle bzw. systeme auf die Zielkriterien des Bewertungskonzeptes (siehe unten) und dabei insbesondere auf die Belastungssituation der Mitarbeiter bezüglich Höhe und Dauer untersucht werden. Hierzu wurde ein problemadäquater Versuchsplan entworfen, welcher die Variation der unabhängigen Variablen "Betriebstyp", "Systembelastung" und "Arbeitszeitsystem" vorsah. Aufbauend auf der Bestandsaufnahme praktizierter Arbeitszeitmodelle im Einzelhandel wurden 11 Arbeitszeitmodelle (Schichtmodell, Blockmodell und verschiedene flexible Modelle mit variierenden Verhältnissen von Vollzeit- zu Teilzeitkräften) ausgewählt. Diese Arbeitszeitmodelle wurden in der Folge sowohl für verschiedene Betriebstypen (n1=3), Systembelastungen (n2=5) und Kundenaufkommen (n3=10) simuliert. Dies ergab 1.650 Simulationsmodelle, die im Berichtszeitraum erstellt wurden. Der Speicherbedarf hierfür beträgt insgesamt ca. 20 GB, was die Komplexität der Modelle verdeutlicht.

Zur Bewertung von simulierten Arbeitszeitsystemen in Dienstleistungsbetrieben wurde auf das Bewertungskonzept mittels Zielerreichungsgraden zurückgegriffen. Ein Zielerreichungsgrad kann eine Ausprägung zwischen 0 % und 100 % annehmen, wobei 100 % den Idealzustand darstellt. Als betriebsorganisatorische Zielerreichungsgrade sind die Durchlaufzeit, die Auslastung des Personals und der Bedienungsgrad der Kunden im Bewertungskonzept enthalten. Die monetären Zielerreichungsgrade betreffen den simulierten Nutzkostensatz und die Kundenabwicklungskosten. Als mitarbeiterbezogene Zielerreichungsgrade sind schließlich der Belastungsgrad und der Zeitstressgrad implementiert.

Bei der Analyse des Zielerreichungsgrads Durchlaufzeitgrad fällt auf, dass bei einer Systembelastung bis ca. 98 % die flexiblen Arbeitszeitsysteme höhere Werte erreichen als die starren Arbeitszeitsysteme. Ab dieser Systembelastung schlägt dieser Vorteil in einen Nachteil um, d.h. die starren Arbeitszeitsysteme erzielen einen höheren, also besseren Zielerreichungsgrad Durchlaufzeitgrad. Der Grund hierfür liegt darin, dass bei dieser hohen Systembelastung der zeitliche Personalbestand in Bedarfsspitzenzeiten bei keinem der Arbeitszeitsysteme mehr ausreicht. Bei den starren Arbeitszeitsystemen ist in den Zeitscheiben, in denen bei der Ausgangs-Systembelastung von 88 % eine Überdeckung auftritt, noch eine Reserve vorhanden, die bei hohen Systembelastungen (ab ca. 98 %) zum Einsatz kommt.

Beim Zielerreichungsgrad Zeitstressgrad werden mittels flexibler Arbeitszeitsysteme höhere Werte erzielt, die insbesondere deutlich von den Werten der starren Arbeitszeitsysteme bei den Systembelastungen von 78 % und 88 % abweichen. Ab einer Systembelastung von 98 % wird dieser Vorteil für höhere Ausprägungen der Systembelastung unbedeutend bzw. er verschwindet. Dies besagt, dass ab dieser Systembelastung das Arbeitszeitsystem einen geringen bis gar keinen Einfluss mehr auf den Zeitstress hat; alle Ausprägungen des Zielerreichungsgrads Zeitstressgrad liegen auf ungefähr gleich hohem Niveau.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Vorteilhaftigkeit flexibler Arbeitszeitmodelle nicht uneingeschränkt gilt. Diese Aussage ließ sich durch die Simulationsstudie auf quantitativer Basis treffen, was mit herkömmlichen Bewertungsmethoden, wie z.B. einer Nutzwertanalyse, nicht mit diesem Detaillierungsgrad möglich gewesen wäre.

Literatur

FAHRENBERG, Jochen:
Die Freiburger Beschwerdeliste (FBL).
Göttingen u.a.: Hogrefe Verlag für Psychologie, 1994.

HACKER, Winfried; FRITSCHE, Birgit; RICHTER, Peter u.a.:
Tätigkeitsbewertungssystem (TBS).
Zürich: vdf Hochschulverlag an der ETH, 1995.

JONSSON, Uwe:
Ein integriertes Objektmodell zu durchlaufplanorientierten Simulation von Produktionssystemen.
Aachen: Shaker Verlag, 2000.
(ifab-Forschungsberichte aus dem Institut für Arbeitswissenschaft und Betriebsorganisation der Universität Karlsruhe, Band 21)

NEUBERGER, Oswald:
Der Arbeitsbeschreibungsbogen.
Goch: BRATT-Institut für Neues Lernen, 1983.

PÖSSIGER, Manuel:
Zur Methodik der Analyse und Bewertung vorwiegend psychischer Anforderungen und Beanspruchungen bei Tätigkeiten des Konsumgütereinzelhandels.
Dresden, TU Diss, 1986.

RIMANN, Martin; UDRIS, Ivars:
Fragebogen "Salutogenetische Subjektive Arbeitsanalyse" (SALSA).
In: Handbuch psychologischer Arbeitsanalysen.
Hrsg.: DUNCKEL, Heiner.
Zürich: vdf Hochschulverlag an der ETH, 1999, S. 404-419.

ZÜLCH, Gert; FISCHER, Jörg; JONSSON, Uwe:
An integrated object model for activity network based simulation.
In: WSC'00 Proceedings of the 2000 Winter Simulation Conference.
Hrsg.: JOINES, Jeffrey A.; BARTON, Russel R.; KANG, Keebom; FISHWICK, Paul A.
Compact disk: WSC'00, 2000, S. 371-380.

ZÜLCH, Gert; STEIH, Marco; STOCK, Patricia; BOGUS, Thomas; FISCHER, Jörg:
Simulationsbasierte Gestaltung von Arbeitszeitmodellen im industrienahen Dienstleistungsbereich.
In: Betriebliche Tertiarisierung.
Hrsg.: LUCZAK, Holger.
Wiesbaden: Deutschen Universitäts-Verlag, 2004. Erscheint demnächst.
(Schriftenreihe der Hochschulgruppe für Arbeits- und Betriebsorganisation, HAB-Forschungsbericht 15)